Die Keupstraße in Köln-Mülheim © Thilo Götze
Kommentare 0

Birlikte in der Schanzenstraße – heute ab 16 Uhr!

Rund um das Kölner Schanzenviertel und natürlich der Keupstraße findet dieses Wochenende das Volksfest „Birlikte“ statt. Dieses Wort ist türkisch und bedeutet soviel wie „Zusammenstehen“. Anlässlich des 10. Jahrestags des Nagelbombenattentats der rechtsradikalen NSU vom 9. Juni 2004 gegen Bewohner der Keupstraße treten heute ab 16 Uhr viele Künstler auf einer riesigen Bühne auf, um sich gemeinsam mit Opferverbänden des Anschlags und Kulturorganisationen gegen weiteren Terror von rechts zu erheben. 

Rund um das Schanzenviertel in Köln feiert man Birlikte


Das Brachgelände nahe der Schanzenstraße, die quer zur Keupstraße verläuft, wurde in den letzten Tagen zum Schauplatz der Kundgebung Birlikte umgebaut. Gerüstebauer agierten in schwindelerregender Höhe, Bagger schlugen Unmengen an Sand und Kies um und allerlei rote Bierwagen wurden herbeigeschafft.

Zwischendurch ließ sich auch das Auge des Gesetzes blicken und kontrollierte Vorschriften und Sicherheitsbestimmungen. Natürlich motorisiert, denn auch aus dem 6. Stock kann man das Gelände nicht mit einem Foto erfassen, so groß ist es. Nötig war es aber dennoch, denn es soll an diesem Wochenende nichts passieren, was der Gedenkstimmung an die NSU-Opfer schaden könnte.

Zur Erinnerung: Als im Jahre 2004 nach Anschlägen in den USA 2001 und Spanien im März 2004 eine erhöhte Gefährdungslage des öffentlichen Lebens ausgerufen war, explodierte in Köln-Mülheim eine Nagelbombe und verletzte 22 Menschen, vier darunter schwerer.

Die Vermutungen gingen auf Grund der damals jüngsten Ereignisse und der sensitivierten Nachrichtenlage sofort in Richtung islamistischer Terrororganisationen. Erst im Zuge der Aufklärung des NSU-Skandals konnte hier Klarheit geschaffen werden (sofern man dieses Chaos so nennen kann).

Herzlich Willkommen auf der Keupstraße

Begrüßungsschild auf der Keupstraße Köln-Mülheim © Thilo Götze

Begrüßungsschild auf der Keupstraße

Wie sieht die Keupstraße heute aus? Von den Spuren des Anschlags kann man heute nicht mehr viel erkennen. Das Frisörgeschäft, vor dem das Fahrrad mit der Bombe abgestellt worden war, gibt es nicht mehr, die meisten anderen Geschäfte haben sich seither jedoch nicht viel geändert, was gut ist.

Es gibt kein Misstrauen gegen Fremde, es herrscht ein reges Treiben: vor den Ladentüren werden Unterhaltungen geführt, Touristen mit Kamera flanieren umher (in Mülheim sonst wohl kaum so anzutreffen) und ab und zu springt man beiseite, wenn neue Dönertiere angeliefert und in die Läden gehievt werden.

Am südlichen bzw. östlichen Beginn der Keupstraße wird man von dem zinnernen Schild oben begrüßt. Auf der Länge von 800 Metern zieren noch mehrere dieser Elemente das Straßenbild. Die türkischen Sätze auf dem darunterliegenden Banner widmen sich übrigens nicht den NSU-Anschlägen oder Birlkte, sondern den Opfern des Minenunglücks von Soma am 13. Mai 2014 in der Türkei. Die Verbundenheit mit der Heimat wird hier nach wie vor großgeschrieben.

Impressionen aus der Keupstraße

Die Keupstraße hieß zunächst Wolfstraße, bis sie auf den Familiennamen einer Wohltäterin, Petronella Keup, umbenannt wurde. Sie trug das Geld für ein Hospital in der Nähe zusammen, das bis 1975 existierte.

Während der Industrialisierung und auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Keupstraße, auch durch die Nähe einiger großer Fabriken im benachbarten Schanzenviertel, Wohnort von erst deutschen, und dann türkischen Arbeitern. Ab den 1970er Jahren zogen türkische Selbstständige nach und nach in die leeren Ladenzeilen ein und machten die Keupstraße zu einem weit über die Stadt hinaus bekannten türkischen Dienstleistungs- und Handelszentrum.

Man kann sich dort frisieren lassen, seine Hochzeit organisieren, einen Döner-Kebap-Contest durchführen oder edlen Schmuck kaufen. Im obigen Video des Regisseurs Jürgen Kura bekommt man einen, wie ich finde, überhaupt nicht geschönten Eindruck. Die Leute sind wirklich so freundlich und multikulturell offen, wie es der Eindruck wiedergibt.

Das Schanzenviertel: Sitz von Stefan Raab, E-Werk und Kantinen

Das Schanzenviertel in Köln-Mülheim © Thilo Götze

Draufsicht auf das Schanzenviertel in Köln-Mülheim

Das Schanzenviertel hat sich im Hinblick auf die Entwicklung der Keupstraße durchaus als deren Katalysator ausgezeichnet. Es braucht sich aber auch selbst nicht hinter seinen Errungenschaften und Lokalitäten zu verstecken.

Das Brachgelände, das für die Gedenkkundgebung dieser Tage umfunktioniert wurde, hat so etwas beispielsweise nicht zum ersten Mal erlebt. Alle 4 Wochen werden dort innerhalb der TV-Saison (außerhalb des Sommers) die Parcours für die Außenspiele von „Schlag den Raab“ aufgebaut. Die raabeigene TV-Firma „Brainpool“ hat in der Schanzenstraße ihren Sitz.

Im E-Werk, einem ehemaligen Umspannwerk, finden heute regelmäßig Veranstaltungen und Konzerte statt. Die Fassade des einstmals ganz anders genutzten Bauwerks ist unter jungen wie älteren Leuten einfach hip, und die Garde der dort auftretenden Künstler kann sich von Rang und Namen her durchaus sehen lassen.

Tipp: Wer die Medien- und Kulturschaffenden einmal von nahem beobachten möchte, kann auf einen herzhaften Happen in einer der öffentlichen Kantinen vorbeischauen. Eine VIP-Garantie gebe ich nicht ab, aber vielleicht trefft ja auch ihr Hugo Egon Balder, in einer der folgenden Gastronomiegewerbe an:

Großes Konzert heute ab 16 Uhr – Birlikte Keupstraße!

Also, wer es sich nicht entgehen lassen will – heute ab 16 Uhr treten Udo Lindenberg, Peter Maffay, BAP und viele andere zu einem sechsstündigen Mammutprogramm auf. Für kostenloses Frischwasser ist gesorgt. Der Landesblog NRW kann leider nicht dabei sein =( und nur vorberichterstattend tätig werden. Sagt mir bitte in den Kommentaren, wie es war!

Bis zum nächsten Mal, und möge die Keupstraße noch lange erhalten bleiben!!

(Visited 263 times, 1 visits today)

Noch einen Artikel lesen...

Schreibe eine Antwort