Geschwindigkeitsbegrenzungsschild auf dem Boden
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Fremder Carsharer kann mein Auto öffnen | Pendlergeschichte #15

Größerer Gepäckstücke halber bleibt es nicht aus, dass ein Urpendler wie ich auch mal zum Vierrad greifen muss. Der Umwelt zuliebe habe ich mir dazu kein eigenes angeschafft, sondern teile meine Fahrzeugflotte mit Tausenden anderen – im Zuge des Carsharings. Carsharing wird von den Anbietern eigentlich ausgeklügelt organisiert. Vor Fehlern ist natürlich kein System gefeit; nur was mir neulich passierte, hat mich zumindest mit sehr viel Verwunderung zurückgelassen.

Hand aufs Herz:

Wer von euch hat schon einmal mit dem Schlüssel seines Spinds im Schwimmbad, oder auch in der Schule ein fremdes Schließfach, zu öffnen versucht? Man lebt in stiller Hoffnung, dass nur man selbst auf solche Ideen kommt.

Ich will überdies gar nicht wissen, wie viele Wohnungstüren ich im Zuge des Sparzwangs in den Aufgängen, in denen ich bisher wohnte, schließen könnte. Und genau davon erzählt diese Geschichte. Rad äh, Film ab!

Wie funktioniert Carsharing – stationsgebunden vs. flexibel

Blick durch die Frontscheibe auf der Autobahn

Für diejenigen, die von der gemeinschaftlichen Nutzung von Kraftfahrzeugen (PKW, Transporter, LKW) in Städten noch nix anzufangen wissen, erfolgt ein Kurzabriss.

  • Stationsgebundenes Carsharing wie Flinkster oder Greenwheels ähnelt dem genuinen Mietwagenprinzip. Ein Auto wird an Stelle X ausgeliehen und am Ende der Leihe dorthin zurückgebracht. Es gibt einen Grundpreis pro Stunde sowie eine Gebühr für den gefahrenen Kilometer.
  • Bei freien Modellen wie Car2go oder DriveNow, wo das Auto innerhalb eines definierten Stadtgebiets oder gar einer ganz anderen Stadt abgestellt werden kann, sind die Abschläge für den Mieter etwas höher. Dafür wird oft aber auch die Parkzeit während der Nutzungsdauer gemessen und tiefer belehnt.

Gemein ist den Modellen, dass eine persönliche Karte im Scheckformat das Auto öffnet und verschließt. Im Handschuhfach steckt dann der Zündschlüssel. Nur die Karte desjenigen Nutzers, der ein Auto über das Internetkonto bucht, kann in dieses einsteigen. Dachte ich zumindest.

Tohuwabohu in der Tiefgarage

Bahnhof Bonn-West

Alles spielt sich nahe des Bahnhofs Bonn-West ab

In der Nähe des Bahnhofs Bonn West bietet eine Tiefgarage einigen KFZ aus dem Carpool mehrerer Carsharing-Anbieter ein Obdach. Dicht an dicht stehen sie in Reih und Glied, quer zur Fahrbahn mit der Schnauze nach vorn eingeparkt.

Letzten Sonntag, einige Minuten vor Buchungsbeginn, betrete ich also so mir nichts, dir nichts diesen Stellplatz, wo zwischen zwei anderen Wagen schon „mein“ Renault steht. Die Checkliste sieht nun Folgendes vor:

  1. Sich in Positur stellen
  2. Auf Vordermann und Seitenrichtung achten
  3. Nich lachen
  4. Um das Auto herumgehen und es auf Schäden überprüfen
  5. ..

Ich komme nicht mal bis Punkt 4. Denn als ich an der Fahrerseite entlanggehe, um die Tür aufzumachen, tut die das komischerweise von alleine – sitzt da schon einer drin!

„Guten Tag, sind Sie…Techniker?“

…entfuhr es mir. Hätt was Blöderes nicht fragen können. Aber was einem da spontan halt so einfällt.

Der etwa 50jährige, nicht unfreundliche Bonner, der da auf „meinem“ Fahrersitz saß, stellte sich aber genauso als Carsharing-Kunde vor. Er habe ebenfalls gebucht, kriegt aber das Auto nicht an.

Von wann bis wann er den Wagen gebucht habe, frage ich. „Na von jetzt an, ab 11 Uhr.“ Eine ausgedruckte Buchungsbestätigung hat er – im Gegensatz zu mir – nicht.

Man nimmt einfach das, was man so kriegen kann

Jetzt kommt’s!

Ich greife schon zum Hörer, um den Support zu kontaktieren. Der Mann, der sich als Herr K. vorstellt, hat „mein“ Auto zwischenzeitlich wieder verlassen, und teilt mir nun ganz beiläufig mit:

„Eigentlich habe ich ja auch den Wagen neben Ihrem gebucht. Aber den hat meine Karte nicht öffnen können. Ihren hier schon. Nur starten kann ich ihn nicht.“

Ach, wie schön. Seine Karre geht nicht auf, da probiert er kurzerhand die anderen. Man muss sich doch nur zu helfen wissen. Jetzt reicht es mir aber endgültig und ich wähle mich in die (minutenlange Warteschleife der) Support-Hotline des Carsharing-Anbieters ein…

Was sagt der Carsharing-Support?

Ich muss dazu wieder ein Stück weit zum Ausgang der Garage gehen, da ich direkt an den Autos keinen Empfang habe. Bis ich verbunden bin, hat der gute Mann dann doch seinen (regulär gebuchten) roten Flitzer aufbekommen.

„Funktioniert jetzt!“, kommt er freudestrahlend zu mir und will mir die Schlüssel des geöffneten, von mir gebuchten Kombis in die Hand drücken. „Nee“, sag ich, „bitte stellen Sie den Ausgangszustand wieder her“, das heißt:

  • Schlüssel ins Handschuhfach,
  • den Wagen mit der eigenen Karte verschließen und
  • sich damit quasi wieder abmelden.

Das tut er. Zeitgleich meldet sich der Helpdesk am Telefon. Ich schildere Problem und Sachverhalt, sprach dabei sehr schön und fließend, und kriege auch bestätigt, dass keine Fahrdaten durch den anderen Fahrer registriert wurden (pro km gibt es eine Pauschale, etwaige Schäden müssen zuordenbar sein usw.).

Wie kann ein anderer User im Buchungszeitraum mein Auto öffnen?

…erfreche ich mich noch, bei dem Mitarbeiter sacht anzufragen, während Herr K. an mir vorbeirauscht und die Anlage verlässt.

Antwort des Supports:

„Das geht eigentlich nicht. Es kann höchstens sein, dass der Herr K. so wild und permanent mit seiner Karte vor dem Lesegerät Ihres Wagens herumgefuchtelt hat, dass er…doch aufging.“

Geht also wohl. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon zu viel Zeit verloren, um die jetzt noch folgenden drei Fragen loszuwerden, die sich mir aber dennoch stellen und die ich hier jetzt poste:

  1. Wenn es mit Vehemenz und Penetranz doch möglich ist, einen benachbarten, gebuchten Wagen zu öffnen und zu schließen – bei wie vielen weiteren Vehikeln zwischen Bonn und Köln könnte ich das jetzt ebenfalls mal testen?
  2. Es gibt ja durchaus Fälle, in denen Nutzer den Wagen zu spät zurückbringen; in diesen Fällen lotst der Support einen zu einem Ersatzwagen. Wenn der für meine Zwecke (Umzug) aber zu klein gewesen wäre – muss ich dann trotzdem zahlen?
  3. Und ein besonders fieses Denkmodell: Herr K. hatte mir ja die Schlüssel gereicht, als er seinen regulären Wagen aufbekam, während er ebenfalls bei meinem noch angemeldet war. Hätte ich meine Buchung geistesgegenwärtig nicht einfach fix stornieren und in den offenen Wagen springen können?

Auch wenn es hinterher recht nahegelegen hätte, wer wirklich fuhr (und zahlen hätte müssen). Nichtsdestoweniger, ich freue mich auf eure Kommentare!

Danke fürs Lesen und bleibt aufmerksam,

euer Thilo

  • Lesetipp auf SPON: Auch in Amerika kennt man das Problem – hier noch mit mechanischer Entriegelung
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