Demonstration gegen Wohnungsnot in Köln © Sarah von Dombrowski
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Frohe Ostern – nur nicht für Kalle Gerigk in Köln

Ich hoffe, mit dem heutigen Beitrag im Web und den sozialen Netzwerk irgendwo zwischen Hasenohren und bunten Eiern noch hervor zu lugen. Auch wenn die meisten heute zu Hause nach versteckten Ostergaben suchen – Karl-Heinz Gerigk, genannt Kalle, kann dies nicht machen. Denn sein (nunmehr ehemaliger) Vermieter hat, in bittere Ironie gepackt, seine Wohnung „versteckt“. Und zwar für immer. Die Geschichte einer Zwangsräumung in Köln, die am Mittwoch ihr vorläufiges Ende gefunden hat.

Ein gar seltsames Schauspiel in der Fontanestraße zu Köln

Flyer gegen Wohnungsnot und Spekulanten © Thilo Götze

Flyer gegen kommunale Wohnungsnot

Gar viel los war in der sonst so beschaulichen Fontanestraße in Köln, zwischen Reichenspergerplatz und Lis-Böhle-Park zwischen Februar und vergangenen Mittwoch. Die sonst dort übliche Beschaulichkeit und Ruhe, trotz der Nähe zur Innenstadt, dürfte ein Mitgrund für die Geschehnisse hier gewesen sein. Denn eine Wohnung wie diese, in dieser Lage, weckt bei ihrem Vermieter gewisse Begehrlichkeiten. Vor allem jene, aus der Immobilie mehr zu machen, als lediglich den Mieter drin wohnen zu lassen.

Ganze 32 Jahre hatte Herr Gerigk, „Kalle“ genannt, schon in seiner Wohnung gewohnt, die sein Vermieter ihm letztes Jahr gekündigt hatte. Eigenbedarf wurde als Grund angeführt. Die Sache ging bis vors Gericht, Kalle verlor, witterte aber Unrecht. Einige Zeit später fand er in Immobilien-Exposées die Ausschreibung seiner Wohnung für den Fremdbedarf.

Die erste Zwangsräumung im Februar


Ob der Gerichtsstreit deswegen noch einmal wiederaufgenommen wird, ist unklar. In den letzten Wochen hatte Kalle mit nur dem Nötigsten in seiner Wohnung gelebt – ein Tisch, ein Regal, Matratze und eine Leuchte. Da war nicht viel Gelegenheit für eine Prozessbetrugsklage.

Vielmehr fanden zwei Wohnungsräumungen statt, eine im Februar und eine im April. Die im Februar blieb beim Versuch – denn eine unfassbar große Solidaritätsbewegung blockierte Zugang und Treppenhaus der Fontanestraße 5, sodass Polizei und Gerichtsvollzieher wieder abzogen.

Auch eine Vielzahl von Prominenten, von Günter Wallraff (der von vitesca) über Jürgen Becker bis Hannes Wader erhoben öffentlichkeitswirksam ihre Stimme gegen diese unmenschliche Behandlung.

Hannes Wader setzt sich für Kalle ein (Screenshot von www.zwangsraeumung-verhindern.de)

Hannes Wader setzt sich für Kalle ein (Screenshot aus diesem Beitrag)

Jeder, der schon einmal, auch ohne Gerichtstitel, einen Ort, an dem er sehr lange gelebt hat und an den er viele Erinnerungen knüpft, verlassen musste, der weiß, was Heimat und der Begriff des „Zuhauses“ bedeutet. Alle, die sich in der Fontanestraße haben sehen lassen, dürften mindestens antizipiert haben, wie das für einen selbst wäre, plötzlich den Boden unter den Füßen weggerissen zu bekommen…

Tod des Gerichtsvollziehers und zweite Zwangsräumung im April

Der zivile Ungehorsam vom 20. Februar war ein voller Erfolg, und so wie man es heutzutage nur selten mehr antrifft. Unter Catch Phrases wie „Alle für Kalle“ oder „Die Stadt gehört uns allen“ feierten sich die Anhänger und Unterstützer der Aktion und versprachen sich, auch im Wiederholungsfall präsent zu sein und nicht zu weichen.

Was dann wie ein verdammt schlechter Scherz klingt, ist leider keiner. Am 1. März verunglückte der mit der Zwangsräumung beauftragte Gerichtsvollzieher mit seinem PKW und verstarb an den Unfallfolgen. Dies, sei nebenbei gesagt, sorgte in den für Shitstorms bekannten sozialen Netzwerken nicht etwa für Häme, sondern die Oberhand behielten ehrliche Beileidsbekundungen und Fairness.

Für Mittwoch, den 16. April wurde der neue und diesmal endgültige Termin für den zweiten Aufmarsch der Staatsgewalt anberaumt. Auch diesmal wurden zahlreiche Menschen mobilisiert, um in der Fontanestraße Gesicht zu zeigen und vielleicht ein zweites Wunder zu schaffen, wie es im Februar schon gelang.

Doch obwohl diese Protestbewegung zwischenzeitlich zu einem Straßenfest der allerbesten Sorte avancierte – es hat nicht sollen sein, die Exekutive verschaffte sich den Platz, die sie brauchte. Dass so etwas nicht ganz ohne Blessuren vonstatten geht, dürfte leider auch jedem klar sein.

Protestmärsche durch die Stadt und Demo auf dem Domplatz

Demonstration gegen Wohnungsnot in Köln © Sarah von Dombrowski

Protestkulisse auf dem Domplatz in Köln am Abend

Dass der Kölner an sich allerdings so schnell aufgibt und die Sache auf sich beruhen lässt, ist weit gefehlt. Der Auflösung der Zusammenkunft in der Fontanestraße folgte ein (friedlicher!) Protestzug von etwa einhundert Menschen durch die Kölner Innenstadt. Gemeinsam wollten sie zeigen, dass die Stadt etwas gegen die Anarchie auf dem Wohnungsmarkt tun muss.

Auch der Reporter vom Landesblog NRW traf auf dem Domplatz eine Gruppe junger Leute, die mir einen Flyer über kommunale Wohnungsnot und Spekulanten in die Hand drückte. Erst einen, dann zwei, dann noch einen…und noch einen…bis ich sagte: Stop, wir machen das anders! Zumindest bei mir, denn meine Waffe ist das Internet.

Da die Gruppe um Sarah (die genaue Parteigruppierung dürfte man an den Farben erkennen 😉 ) eine witzige und sehr treffende Kulisse aufgebaut hatte, wollte ich das unbedingt auch so festhalten. Kaltmieten von 1000 Euro, Leben in Pappkisten und drohende Obdachlosigkeit – das kann niemand ernsthaft wollen, weswegen auch ich mich für eine Weile symbolhaft in den Karton gepflanzt habe.

Zwischenfazit – wie geht es weiter mit Kalle und den Wohnungen?

Aktuell ist Kalle bei einem Freund untergekommen. Die Entklimatisierung aus seinem heimatlichen Viertel dürfte noch etwas anhalten bei ihm. Trotz aller Zumutungen hört man von ihm kein böses Wort gegen Polizisten oder andere Vollstreckungsbeamte – „sie tun ja auch nur ihren Job“, sagt er.

Dass Menschen, die ihn unterstützen wollten, bei Auseinandersetzungen mit der Polizei in Treppenhaus verletzt wurden, findet er sehr traurig. Momentan hat er, Kalle, eine wahre Odyssee sondergleichen hinter sich, wobei man auch sagen muss, dass er durch den Kampf und die Öffentlichkeitsmachung der Missstände auch viele Unterstützer und Freunde gewonnen hat.

Gleichwohl hat er ebenfalls auf ein Problem hingewiesen, wozu ein bundesweiter Diskurs, aber eben noch kein Konsens herrscht. Das Problem der Wohnungen, die überbordende Spekulation, die Schere zwischen Arm und Reich. Als ich mich von Sarah und ihren Mitstreitern verabschiedet habe und nach einem wirklich langen Tag Richtung Hauptbahnhof einschlage, spricht mich noch einmal jemand an.

„Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld?“, fragt mich ein Mann mit Krücken unter jedem Arm. Er hat einen gebrauchten Kaffeebecher um die Hüfte geschnallt und hat kaum die Kraft mich das überhaupt zu fragen. Ja, habe ich. Und wenn man die Makro-Probleme der Besitzungleichverteilung und Spekulation schon nicht lösen kann, kann ich zumindest auf Mikro-Ebene was für meinen Nächsten tun. Aber dazu auch bald mehr in den folgenden Beiträgen, wie zum Beispiel über die Hilfe für Obdachlose in Köln!

Bis zum nächsten Mal!

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2 Kommentare

  1. Auch ich bin ein „Opfer dieses Systems“ ! Auf meiner HP unter http://flowerfie1.square7.ch/ habe ich mein Schicksal veröffentlicht wie ich schuldlos in Die Obdachlosigkeit hinein geraten bin, und was sich Behörden alles einfallen lassen haben um mich „Mundtod“ zu machen, das hat aber nur Das Gegenteil bewirkt! Die Beiträge Bitte in umgekehrter Reihenfolge lesen da der neueste oben als erstes steht ! Ganz unten auf meiner HP mit Klick auf ältere Beiträge finden Sie auch ein 7 teiliges Internet Radio Interview was im verlaufe der letzten Jahre mit Hilfe eines Freundes entstanden ist! Dazu auch ein 3 seitiger Bericht aus der Obdachlosen Zeitung Querkopf, Ausgabe 10/2012 ! Fortsetzung folgt in der kommenden Mai Ausgabe des Querkopf ! Danke für ihr Interesse!

  2. Pingback: Was man in Köln nicht sagen sollte

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