Straßenbahn
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Pendlergeschichten #3 – Hund unter der Straßenbahn

Diese Geschichte ist mir bereits vor einiger Zeit passiert. Sie gehört zu jenen Ereignissen, die du Sekundenbruchteile schon vorhersiehst, aber in die du nicht mehr eingreifen kannst. Neben ihrer Storyline an sich dient diese Anekdote vielleicht auch dazu, Antworten auf Fragen zu finden, die manch ein Leser unabhängig davon gehabt hätte.

Unter ein Fahrzeug dieses Typs lief der Hund

Unter ein Fahrzeug dieses Typs lief der Hund

Hat Köln eine U-Bahn oder was haben die?

Manche Besucher Kölns sind über das hiesige Stadtbahnsystem etwas verwundert, bzw. können nicht ganz durchblicken, ob sie es mit einer U-Bahn, S-Bahn oder einem sonstigen Vehikel zu tun haben (manche Stimme erweitert diese Frage auch mit Eselskarren oder Viehwaggon als Antwortmöglichkeit, aber lassen wir das).

Das Ding, was Domstädter wie Touristen gleichermaßen durch die Gegend kutschiert, wird in der Praxis immer mal wieder zur Straßenbahn, ist aber formell eine U-Bahn. Darum auch die blauen Schildchen mit dem großen U überall.

Demzufolge gibt es Haltestellen sowohl über der Erde wie auch unterflur. Und dort, an einer Haltestelle im Kölner Untergrund, handelt diese Geschichte.

Der Hund, dein bester Freund!

Haltestelle Neusser Strasse Gürtel (c) Landesblog NRW

Haltestelle Neusser Strasse Gürtel

An einem kalten Wintertage ist man froh, wenn man beim Umstieg an einer Haltestelle, die 1 Station oben im Freien und 1 im „Keller“ hat, vom Kalten ins Geschützte nach unten geht. Muss man nur kurz bibbern und darf sich schon aufs Warme freuen.

War bei mir an dem Tag leider anders. Ich würde gleich an der Haltestelle Neusser Straße auf dem Kölner „Gürtel“ aus der Linie 16 steigen und nach oben zur 13 müssen. Weiter hinten in meiner Bahn frönt ein dicker Hund sein Dasein. Es ist ein schönes Tier, groß, schwarz und mit treuem Blick.

Seinen Besitzer werde ich erst nach dem Aussteigen sehen. Ich erinnere mich allerdings heute noch an jedes Detail, da die Zeit in den nächsten Minuten stillzustehen schien.

Und ich denk noch, das ist irre, was du da machst…

Ich steige also aus und begebe mich zum Ausgang. Im inneren Rückspiegel wähnte ich die Leute und natürlich Hund und Herrchen. Ich wähnte weiterhin, dass das nicht gerade kleine Tier jetzt angeleint wird (in die Tasche packen ging nicht) oder dass der Mann zumindest ein Auge drauf hat, was Bello macht.

Pustekuchen. Der Typ, sicherlich per se kein schlechter Kerl, bleibt plötzlich mitten auf dem Weg von der Trasse zum Ausgang stehen und ist durch irgendetwas beschäftigt. Sein Hund stoppt abrupt auch, und wendet den Kopf schon in Richtung Gleise. Das Tier läuft auf der gleiszugewandten Seite.

Und da läuft es los. Erst ein paar Schritte, dann bis auf die Führungsstreifen (Orientierungsstreifen für blinde Personen), darüber hinaus, bleibt an der Kante stehen. Im toten Winkel des Tram-Fahrers.

Der Besitzer merkt erst jetzt, dass etwas nicht stimmt. Er sieht hin und ruft: „Paul, hey!“ Noch ist seltsamerweise keine Panik in seiner Stimme. Die Türen der Linie 16 schließen sich. Normalerweise verlieren die KVB-Fahrer keine Zeit und fahren sofort danach an. Der Hund springt direkt vor dem Führerstand auf die Gleise, ich sehe ihn nicht mehr.

Rettung für Paul?

„Paul! PAUL! Was machst du denn???“

Ich glaub, in dem Moment kamen mir die Tränen, und vielen anderen, die das sahen, wohl auch. Es ging so schnell. Ich hab 3 Absätze geschrieben, aber in Wirklichkeit passierte das alles in 2 oder 3 Sekunden. Keine Zeit, um zu reagieren. Wie gesagt, normalerweise wäre es jetzt zum Unglück gekommen.

Aus irgendeinem Grund ist der Fahrer an diesem Tag nicht losgefahren. Ob es ein mit dieser Sache gar nichts zu tun habendes Licht- oder Funksignal war, ein technischer Check oder ein Gefühl – man weiß es nicht. Pauls Besitzer schrie nun wirklich um sich, allerdings bemühte er sich lange Zeit überhaupt nicht, sich in das Blickfeld des Fahrers zu begeben.

Erst ein anderer Mann, der auch alles gesehen hatte, klopfte an die Seitenscheibe des Fahrers, um den Fahrtantritt zu stoppen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte der aber bereits, was Sache war. Ich sah, wie er an einer kleinen Kurbel drehte (wahrscheinlich eine Stromzufuhr) und nicht losfuhr.

Zur Beruhigung aller hätte er allerdings aufstehen können, um zu signalisieren, guck, ich fahr nicht los, Jung, komm ja gar nicht an die Armaturen. Er blieb stattdessen eine ganze Weile auf seinem Stuhl sitzen, und stand erst am Ende auf.

Wieder hervorgekrochen – und nochmal in Gefahr!

Pauls Herrchen, in zerwetzten Jeans und ärmelloser Lederweste, kniet am Bahnsteig und ruft seinen tierischen Begleiter zurück. Wie es unter so einem Fahrzeug aussieht, weiß ich (zum Glück) nicht, aber auch ohne, dass sich die Tram bewegt, kann da verdammt viel passieren. Alle hier halten den Atem an.

Da endlich, ein schwarzer Kopf zeigt sich, und auch der Rest kommt unbeschadet wieder unter der gruseligen Bahn hervor. Da gab es keine Spielkameraden, und wohl auch nichts zu essen, so entschloss sich Paul, wieder hervor zu kriechen. „Paul, da bist du ja!“ Spürbare Erleichterung bei Paulchens Besitzer, sowie beim ganzen Bahnsteig. Halb springt Paul herauf, halb hievt sein Herrchen ihn mühsam hoch.

Aber dann…der Hund wendet sich wieder um….dreht ab und…springt ein zweites Mal hinab und läuft unter die Straßenbahnkarosserie! Scheiße! Ein großes Geschrei bei allen! Und da er glaubt, dass der Fahrer Pauls Wiederkommen nach oben, aber nicht dessen erneute Rückkehr unter das Fahrzeug bemerkt hat, springt Pauls Besitzer hinterher, auf die Gleise!

Stehen U-Bahngleise unter Strom?

DAS hätte ich mich nun nicht getraut. Okay, vielleicht doch, wenn es mein Tier wäre. Aber ich weiß bis heute nicht, ob die Schienen selbst unter Strom stehen in der U-Bahn. Vielleicht weiß das jemand, was beim Kontakt mit U-Bahngleisen passiert? Und was der Fahrer mit der kleinen Kurbel vorhin wohl bezweckt haben dürfte?

Naja, wie auch immer: Zwischen den Gleisen zu stehen gekommen, mit einem lauten Aufsetzer, versucht unser Protagonist sein Bestes, um Paul zum zweiten Male zur Umkehr zu bewegen. Diesmal dauert es etwas länger, aber es glückt ihm abermals. Mit Paul im Schlawittchen klettert er gestresst den Bahnsteig herauf. Zum Fahrer gewandt, der halb an seinem Türverschlag lehnt, meint er noch:

„Sorry, Kumpel…üblicherweise spring ich nicht auf die Gleise…

…wir erfahren noch, dass Paul und er sich erst seit 1 Jahr kennen, und er ihm zugelaufen war. Eigentlich rührend. Viel scheint der Mann nicht zu besitzen, und sein Hund ist sein Ein und Alles. Er hält ihn jetzt mit beiden Händen fest. Nur, als er in seinem Rucksack kramt, ist Paul für einige Sekunden gefährlich lose. Aber auch er scheint keine Lust mehr auf Ausflüge zu haben.

Herrchen hat in seinem Rucksack gefunden, was er suchte: die Leine. Allerdings keine gewöhnliche Hundeleine – sondern eine massive Eisenkette. Warum nicht gleich so, möchte man denken. Der Fahrer dreht wieder an der Kurbel, schließt die Tür, und die Linie 16 fährt, sich ganz behutsam vortastend, von der Neusser Straße ab.

Hunde im Öffentlichen Nahverkehr…

Maulkorbpflicht und Leinenzwang fordern die Leute, für Hunde im öffentlichen Nahverkehr!

Ich seit jenem Tage auch, zumindest letzteres. Nicht, weil ich Angst vor Hunden habe – sondern vielmehr um sie.

Weitere Links dazu:

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