Haltestelle Brühl-Mitte im Winter © Thilo Götze
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Pendlergeschichten #4 – trifft ein Bettler ’nen Schwarzen

Was gibt es eigentlich über das Thema Witze beim Pendeln zu erzählen? Gewiss ist, dass zumindest in Öffentlichen Verkehrsmitteln die meisten davon nicht erzählt, sondern erlebt werden. Viele von ihnen entstehen quasi dort erst. Die folgende Kurzgeschichte trug sich auf meiner allerersten Straßenbahnfahrt in Köln überhaupt zu. Ich bekam von der Pike weg einen bleibenden Eindruck, wie diese Stadt wohl zu ticken vermag. Lest die Geschichte zweier Sympathieträger, die einander mehr gemein haben, als sie an diesem Tage vielleicht dachten…

Ein ganz früher Pendler

Meine allererste Kölner U-Bahn habe ich

  • im Jahre 2010,
  • im Februar,
  • natürlich am Hauptbahnhof

und bei Eiseskälte betreten. Ich glaube, ich war auf dem Weg zu meinem ersten RAMADA-Schachturnier und es war die Linie 18 nach Brühl-Mitte (Bild oben), die ich da nahm. Ich wusste es wahrscheinlich da schon, dass ich mal zwischen Bonn und Köln pendeln werde, es war sozusagen vorbestimmt.

Ein ganz alter Hase

Ich glaube, ich hatte eine vollkommen verkehrte Fahrkarte gekauft. Ein 4er-Ticket, um ja wohl zu sparen, aber lediglich zum Normalpreis 2a, und nicht den für diese Strecke erforderlichen Tarif 4. Das Abstempeln hatte ich für diesen Typ Billet irgendwie auch noch nicht ganz raus. Naja, egal, zu Karnevalszeiten hatte man da nicht so drauf geachtet.

Ich setze mich also ins Heck der Linie 18 mit dem Gesicht zur Fahrtrichtung. Hinter mir gibt es noch zwei Abteile außerhalb meines Blickfeldes, wo überall Leute sitzen.

Die Türen gehen zu, ach wie gut, denke ich, es ist ja kalt und windig, aber nein, jemand steckt einen Gegenstand dazwischen. Allerdings in Fußhöhe – das muss ein ganz alter Hase sein. Der auf Grund seiner langen Bahnfahr-Erfahrung weiß, dass man besser keine Hand zwischen sich schließende Türen steckt (die Lichtschranke ist nämlich nur in 20cm Höhe)!

Ganz gute psychologische Tricks für Bettler  🙂

Die Pforten scheren wieder auseinander und herein kommen zwei Tüten. Also der Mensch, der die Tür wieder aufgedrückt hat, kommt erst hintendrein, denn zuerst muss er sein Gepäck in die Bahn hieven. Sodenn kommt aber auch er zum Stehen und ordnet sich etwas.

Die Bahn fährt an und der Mann, offenbar ein auf Geld Angewiesener, geht nach vorne durch die Sitzreihen und bittet jeden einzeln, auch offensichtlich zusammengehörende Fahrgäste, um Geld bzw. Essen. Warum auch nicht – wie oft möchte man es dem Freund oder Bekannten nicht zeigen, wie spendabel man doch im Gegensatz zum andern ist 😉

Exkurs: Psychologisch herangegangen, öffnen viele Leute ihre Brieftaschen eher, wenn man es als Bittender so versucht:

  • Zusammengehörige individuell befragen
  • nach exakt „90 Cent“ fragen => ist weniger als ’nen Euro (tut nicht weh) und erscheint vorm geistigen Auge als Centbetrag (Werbung nutzt mit xx,90 oder x,99 € die selben Effekte)
  • auch bei Misserfolg „Schönen Abend“ wünschen und später ganz zufällig nochmal vorbeigehen ohne zu fragen – dann wird oft doch noch gespendet
  • am wichtigsten ist sowieso immer: nicht aufdringlich sein, Höflichkeitsformen achten!

Ganz und gar nicht viel erreicht

Ich meine mich zu erinnern, dass der Ertrag des nicht unsympathisch herüberkommenden Manns bis dato recht überschaubar ausfiel, da er binnen 1 Stationsfahrt wieder zurück zum letzten Abteil kam, wo ich saß.

Er fing ganz hinten an zu fragen, wo die meisten Leute saßen. Später sah ich, dass es alles Deutsche bzw. Weiße waren, die dort Platz genommen hatten. Es wollte ihm von denen keiner etwas geben, das ebenfalls weiße Pärchen direkt hinter mir auch nicht.

Da er sich wohl vornahm, bei jedem Fragen freundlich zu bleiben und mehr als 1 Satz zu sprechen, ging ihm da wohl gerade a) die Puste aus und b) war er vermutlich vollkommen entnervt über die klamme Ausbeute.

Er überging jedenfalls den Mann dunkler Hautfarbe, der alleine neben dem Pärchen saß und neben mir als letzter Verbliebener noch nicht von ihm angesprochen worden war.

Der Bettler wollte sich uns beiden vielleicht auch gar nicht mehr zuwenden, da

  1. die nächste Station kam,
  2. er noch seine Tüten raffen musste und
  3. es hier rein stochastisch eh nicht mehr viel für ihn zu holen gab.

Sachen gibt’s, die gibbet nicht

Er strebte jedenfalls schnurstracks an dem Schwarzen vorbei Richtung Türen. Der, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzend, dreht sich plötzlich um. Es war ein junger Bursche mit blauer Regenjacke, einem Kinnbart und krausen Haaren, und er regte sich fürchterlich auf:

„Ey! Hast du Vorurteile oder was? Oder was denkst du? Was denkst du über mich?“

DAS hatte der alte Hase, der sich schon zum Gehen gewandt hatte, wohl auch noch nicht erlebt. Da regte sich einer auf, dass er des Anbettelns für unwürdig befunden wurde. Dass man glaubte, Schwarze wären ja eh arm und hätten keine Kohle! Der Übergangene war mit vollem Ernst bei der Sache. Gefragt werden wollte er mindestens!

Und ich sage euch, so wahr ich hier blogge: der Bettler kam zurück zu ihm an seinen Sitzplatz und versicherte ihm ein bisschen erschrocken: „Nein, mein Herr, ich habe keine Vorurteile, ganz sicher nicht.“ Doch damit war der Andere nicht zu besänftigen. Die beiden redeten jetzt eine ganze Weile aufeinander ein.

Es gipfelte darin, dass der Schwarze den Bettler aufforderte, seinen Text auch noch einmal ihm gegenüber abzuspulen, und er sagte es so, dass es Hoffnungen bei dem alten Mann regte, dass ihm der Gekränkte wirklich etwas gegeben hätte. Als einziger aus der ganzen Bahn, ja vielleicht sogar in dieser Nacht!

Schließlich bat er also auch ihn noch einmal formell um Geld. Noch einmal, zum 100sten Mal an diesem Abend das „Guten-Abend-mein-Herr-eine-milde-Spende-bitte-für-eine-Mahlzeit-und-etwas-zu-essen-bitte-der-Herr-guten-Abend-der-Herr“.

Ich war fast schon draußen, ich musste an der nächsten Station raus, aber hörte nur noch eine tiefe, dunkle Stimme, die da sagte:

„Nee! Hast du Pech gehabt! Hättest du mich vorher fragen können – aber so: nicht!

Anmerkung zu diesem doppelten Stereotypen-Witz

Okay, gut, es ist wieder mal ein bisschen lang geworden, und für einen „Witz“ erst recht. Das hätte man auch kürzer fassen können.

Es sei aber indes noch vermerkt, dass zum Beispiel die Mehrzahl einer Gruppe, von denen ich einige kenne und die selber von Vorurteilen betroffen ist, ich meine niemand Geringeres als die Kölner Obdachlosen, tatsächlich keine Stereotype gegen andere Minderheiten äußern.

Zum Beispiel sehen viele von ihnen die Diskrepanz der Zuwendungen und Hilfen der Behörden, die aktuell Flüchtlingen zuteil werden und ihnen aber nicht, größtenteils differenziert und ohne Neid.

Im Prinzip hat auch jeder Mensch eine Reihe von Frames in seinem Denken, die ihn zu einer nicht immer ausgewogenen Beurteilung von Menschen oder Situationen leiten. Ein jeder dürfte sich dann auch schon einmal beim Umwandeln dieser Denkmuster in eine Handlung (oder auch einen Verzicht darauf) ertappt haben.

Weitere tragikomische Informationen hier:

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