Hotel-RAMADA Brühl
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Auf den Spuren Boguljubovs beim Schach in Brühl

Es wurde angedroht, und jetzt passiert es. Der erste (richtige) Artikel kommt, und zwar kommt er aus Brühl. Es passt aber gerade überaus gut aktuell, da in der sibirischen Tundra gerade das Kandidatenturnier läuft, das den Herausforderer um die Schachweltmeisterschaft im Kampf gegen Champion Magnus Carlsen im Herbst bestimmt. Das Thema ist schwarz-weiß gemustert, fasziniert Nerds in aller Welt und mich noch obendrein. Ein unterhaltsamer Bericht über einige meiner Partien beim diesjährigen RAMADA-Cup in Brühl, mit einem Gastkommentar von Dominic Bannholzer.  PS: Wem Langzeitschach zu lange dauert, liest doch mal meinen Artikel zu einem Schnellschachturnier 2015 ♔!

360 Mann kämpfen um die Ehre

Da wollten 360 Mann in Brühl schon einmal üben, um irgendwann im Leben auch noch mal dahin zu kommen, wo die 8 in Sibirien spielenden Herren…wohl auch nicht mehr hinkommen werden: auf den Schach-Thron der Welt (denn da wird der kleine dicke Junge aus Norwegen erstmal hocken bleiben). Parallel an dem Turnierwochenende fanden auch noch allerlei Faschingsumzüge statt, auf die ich an anderer Stelle auch noch eingehen werde.

Der RAMADA-Cup an sich ist ein sehr schön faires Turnier. Das kommt daher, dass jeder Teilnehmer in einer Wertungsgruppe mit in etwa gleich starken Spielern zusammen spielt. So sind Duelle á David gegen Goliath ausgeschlossen, und Überraschungserfolge sind immer drin. Nachdem ich in den letzten Jahren zweimal knapp an der Qualifikation für das Finale gescheitert war (die ersten 6 einer Qualifikationsrunde wie der in Brühl kommen dorthin), wollte ich es diesmal endlich schaffen.

Dumm nur, dass ich auf Platz 1 der Setzliste in meiner D-Gruppe war. Warum ist das dumm? Erklärt im Folgenden mein Schachbruder Dominic Bannholzer – im Übrigen ein Schweizer (aus Solothurn), der muss es wissen…

Dominic Bannholzer erklärt das Schweizer System

Foto von Dominic Bannholzer

© Dominic Bannholzer

„Das fünfrundige Turnier wird im „Schweizer System“ gespielt. Spieler mit gleicher Punktanzahl werden gegeneinander gelost. In der ersten Runde haben aber alle 0 Punkte, und man muss ein System dafür finden. Daher wird das Teilnehmerfeld einer Wertungsgruppe in 2 Hälften geteilt. Der nach der Wertzahl stärkste Spieler der ersten Hälfte spielt gegen den nach der Wertzahl besten Spieler der zweiten Hälfte. Dieses Prinzip wird  in der Aus“Losung“ aller Duelle der nachfolgenden Runden zwischen Spielern gleicher Punktanzahl angewandt.

Holpriger Beginn

Tisch der Schiedsrichter beim RAMADA-Cup in Brühl 2014 (c) Thilo Götze

Der Schiedsrichtertisch im großen Turniersaal

Genug nicht verstanden? Dann los in die Partien. Nein, wartet…es geht los mit der dritten. Die erste habe ich nämlich verloren. Gegen Frank, eine wahrhaft schon „Legende“ der RAMADA-Hotels. Er ist schon zum 36. oder 37. Mal dabei und hat auch diese Saison alle Quali-Turniere mitgespielt. Daran sieht man, dass man nicht unbedingt in der A-Gruppe (da sind die besten Spieler) spielen muss, um Freude am Schach zu haben, sondern auch in der D-Gruppe engagiert und schachbegeistert quer durch Deutschland zu reisen, um sich für das Finale zu qualifizieren zu suchen.

Moment. Wurden eigentlich Punkt 10 Uhr am Freitag die Bauern in die Schlacht geschickt, Pferde geopfert und Damen geschlagen?

Nun, das nicht, zumindest nicht sofort. Die Geduld der Spieler wurde vor Beginn der ersten Runde auf eine harte Probe gestellt, da verschiedene Gastredner noch eine Rede hielten, auf vergangene Turniere zurückblickten und auf die Regelkunde aufmerksam machten.

Die Turnierdirektion ließ sogar zwei Büttenredner antreten, die die 360 Schachspieler, die in Brühl im Turniersaal saßen, belustigen sollten. Das Volk der Schachspieler, zugegebenermaßen ein sympathisches, aber auch ein kauziges und nicht gerade sehr närrisches, nahm dies zunächst tolerant auf, begann nachdem zwanzigsten Knüttelreim dann aber doch etwas zu murren.

Wie gesagt, erste Partie verloren, zweite gewonnen, aber sehr umspektakulär. Darum folgt sogleich der dritte Streich.

Die lustigste Partie des RAMADA-Cups in Brühl

Zuschauer beim Schachturnier RAMADA-Cup 2014 in Brühl (c) Thilo Götze

Warum lockt diese Partie so viele Zuschauer an…?

Darf ich vorstellen? So sieht es aus, wenn eine Partie bei Zuschauern und anderen Schachspielern für besondere Aufmerksamkeit sorgt. Sei es, weil sich zwei sehr starke Gegner duellieren und man von ihnen lernen kann; sei es, weil die Partie die letzte ist, die noch läuft und sich Entscheidungen im Gesamtklassement daraus ergeben, oder aus beiden Gründen. Oder eben, weil der Gegner (in diesem Falle meiner) eine sehr eigenwillige Vorstellung von der Austragung einer Schachpartie hat.

Nachdem ich in dem insgesamt fünfrundigen Turnier aus den ersten beiden Durchgängen 1 von 2 Punkten hole, spiele ich in der dritten Runde gegen einen Brühler Schachfreund. Die Partie kann man im Diagramm direkt mitspielen (einfach die Pfeiltasten benutzen).

Ungenaues Opfer, Springergabel, Materialverlust – aber auch eine „Geheimwaffe“

Am Anfang ist noch alles normal, ich habe Schwarz und kontere mit der Sizilianischen Verteidigung. Ich tausche im 6. Zug einen Zentrumsbauern und fianchettiere zwei Züge später den Königsläufer. Im zehnten Zug, nach der Doppelrochade, kommt von Weiß bereits der Vorstoß mit dem Bauern auf f5, eventuell etwas früh. Mein Springer erhält dadurch die Gelegenheit, ins Zentrum zu hüpfen und erst einmal nicht vertrieben werden zu können von Weiß. Der Gaul macht es sich also auf der Weide bequem.

Dadurch gewinne ich im Zentrum Einfluss und presche ab dem 15. Zug auch auf dem Damenflügel, von Weiß aus gesehen der linken Bretthälfte, vor. Im 18. Zug schiebe ich die Dame auf die halboffene C-Linie (halboffen bedeutet, dass nur 1 Bauer einer Farbe auf einer horizontalen Felderreihe steht und nicht mehr 2 Bauern), der Druck wird größer. 19. … Springer auf c4 bedroht die wunden, gegnerischen Punkte b2 und auch (existenziell wichtig!) e4.

Mein Gegner entscheidet sich zu einem waghalsigen, aber nicht genau durchgerechnetem Opfer. Er stellt seinen Springer im 20. Zug auf das Feld f5, wo er aber von meinem Bauern problemlos, und ohne äquivalenten Rückgewinn von Material weggenommen wird. Zwar schlägt der weiße Turm direkt danach zurück, bedroht meine Dame und reißt die Bauernphalanx vor meinem schützenswürdigen König auf. Doch mit einem Springermanöver tausche ich die Damen (das Aufreißen der Königsphalanx ist dann egal, ohne die stärkste Angriffsfigur, die Dame, auf dem Brett) und gewinne Material.

Zum Verständnis: Wenn nach 21. …Springer schlägt e4 der weiße Springer diesen schlägt (die Dame kann dies nicht, da mein Läufer meinen Springer deckt), schlägt meine Dame den weißen Turm, da dieser nicht mehr durch einen Bauern abgesichert ist. Zudem werden zwei weitere Figuren von Weiß bedroht, von denen sich nur 1 retten könnte. In der Schachnotation bzw. der Analyse sähe das so aus:
21. Txf5?? Sxe4
22. Sxe4 Dxc5.
Fragezeichen hinter Zügen stehen übrigens für ungute Züge, oder ins Neudeutsche transponiert: „We Te Eff??“

Die Geheimwaffe im Schach – hätte ja klappen können…

Sitzordnung bei einem Schachturnier

So dicht sitzen die Spieler an den Tischen gedrängt

Damit hat mein Gegner nicht gerechnet. Nach dem 24. Zug stehe ich auf Gewinn. Man muss ein Materialplus zwar auch erstmal in einen Sieg umwandeln, aber es sieht schon positionell gut aus. Nach so einem falsch kalkulierten Opfer verlässt man erst einmal den Saal, um sich draußen wieder zu sammeln. Vielleicht fällt einem ja noch eine Wendung ein, oder bündelt noch reichlich Siegerwillen und Gewinnmotivation. Was würde mein Gegenüber tun?

Er kam wieder in den Saal zurück, rückte seinen Stuhl an den Tisch und überlegte seinen nächsten Zug. In derselben Sekunde stieg mir etwas in die Nase, was ich während Schachpartien niemals wahrnehme. Das konnte nicht wahr sein, hier schien jemand in unmittelbarer Umgebung zu rauchen! Aber wo kam es her? Da sah ich es, hinter der Schachuhr versteckt: eine glimmende Zigarre!

Instinktiv fange ich an, lautlos zu lachen und zu grinsen. Da hat einer gut die Schachgeschichte studiert, die Anekdote um eine Partie zwischen den Großmeistern Nimzowitsch und Bogoljubov und der (unangezündeten) Zigarre neben dem Brett ist legendär. Nur hier war die Zigarre sogar an! Ich fragte meinen Gegner, ob wir die Sache unter uns „ausmachen“ könnten, oder eine schiedsrichterliche Instanz hinzugeholt werden müsse. Mit Nachdruck der um uns sitzenden Spieler ging er mit dem Ding dann raus. Netter Versuch, aber Rauchen ist neben Handyklingeln ein absolutes No-Go und Grund für eine Niederlage am Grünen Tisch, nebenbei im Gegensatz zum Handyton auch noch gesundheitsgefährdend.

Wer möchte, kann die Partie noch zuende spielen. Am Ende versucht Weiß noch einmal alles und will mich mit einer weiteren „Falle“ mattsetzen. Dies wird durchschaut und letztlich gibt mein Gegner auf, was er mit einem entnervten „Blödmann“ noch quittiert. Naja, es ist Karneval, und am Ende können wir beide lachen. Und die Umstehenden um uns herum erst recht.

Die vierte und fünfte Runde des Turniers

Aushänge der Spielleitung bei einem Schachturnier

Wer spielt gegen wen in der nächsten Runde, wer ist vorn? Aushänge im Foyer verraten es allen.

Eigentlich ist jetzt klar: ich habe 2 Punkte aus 3 Spielen und muss die letzten beiden Partien auch gewinnen. 3,5 Punkte wie in den Vorjahren, und wieder durch die Buchholz-Wertung ausscheiden will ich mir nicht geben. Doch jetzt kommt wieder ein starker Gegner, da ich eben gewonnen habe. Gegen Thomas schaffe ich in der vierten Runde nach haarsträubenden Fehlern und einem Opfer meinerseits lediglich noch ein glückliches Remis. Also kommt es auf die fünfte Runde an.

Wer vor der Abschlussrunde 2,5 Punkte und mehr hat (3,5 braucht man mindestens für Platz 6), ist fast nicht mehr übersehbar. Es bräuchte eine gehörige Portion Glück, wenn man mit 3,5 Punkten überhaupt unter die ersten 6 käme und dann auch noch die Partienso günstig für einen ausgehen, dass man von allen Dreienhalbern die beste Buchhholzwertung hat. Inzwischen verstanden, was das ist? Egal, stellt es euch wie das Torverhältnis beim Fußball vor 😉 Zwar eher das Torverhältnis aller Gegner zusammenaddiert, aber egal.

Götze gegen Chbib Schach auf Wettkampfniveau

Wer mitspielen will, kann wieder die Pfeiltasten benutzen. PS: Die Stellung zeigt gerade die Partie, wie sie im xx. Zug stand, als Veranschaulichung. Mit den Pfeiltasten geht es auch wieder ganz an den Anfang.

Ich habe im finalen Kampf „Alles oder Nichts“ Schwarz, ein Nachteil. Mit Weiß hätte ich mehr Druck machen können, aber erst mal schauen, was der Gegner so unternimmt, vor allem am Anfang.

Als erstes hoppeln die Gäule aufs Feld, die Art der Eröffnung wird auf diese Weise offengehalten, noch keiner von uns weiß, wie der andere zunächst operieren wird, offensiv, defensiv, offen oder geschlossen. Weiß, mein Gegner, macht zunächst die Rochade und lässt das Zentrum des Schachbretts Zentrum sein. Es zu besetzen, ist eines der wichtigsten Dinge im Schachspiel. Wenn auch nicht DAS wichtigste.

Im 5. Zug setzt Weiß der drohenden schwarzen Bauernübermacht etwas entgegen und versucht meine Bauernkette aufzureißen. Soll mir recht sein, denke ich, und tausche bereitwillig den Bauern auf d5. So langsam entwickeln sich die Leichtfiguren (Springer und Läufer), bis der weiße Springer im 9. Zug einen Ausflug nach g5 unternimmt und sich zum Tausch anbietet bzw. meinen weißfeldrigen schwarzen Läufer bedroht.

Da ich diesen behalten will, den Springer also schlagen muss, „opfere“ ich den schwarzfeldrigen Läufer dazu. Opfern deshalb, weil ich mit dem Läuferpaar eigentlich noch große Pläne hatte. Zumindest den wichtigeren von beiden behalte ich. Schließlich muss ich den weißen, weißfeldrigen Läufer auf der Fianchettoposition g2 abholen/stören. Der ist nicht ungefährlich.

Weiß hat sich mit diesem Springer-Manöver von vorhin seine Stellung echt zugebaut. Die Züge 12 bis 14 sind planlos und lediglich alibihaft. Im 15. Zug biete Weiß gar freiwillig einen Doppelbauern an, um eine schlechte Figur gegen eine schwarze gut stehende zu tauschen. Aber nix da. Mein Läufer holt sich im 17. Zug seinen starken Gegenüber ab, und nun startet fein säuberlich vorbereitet, der Sturm auf die weiße Königsfestung.

Alles, was gerade nichts zu tun hat, wird von mir in Richtung Monarch getrommelt. Dame, Bauer, Springer, selbst der alte Turm macht mit. Das Diagramm nach dem 24. Zug von Schwarz zeigt die drohende Welle, die da über die leicht offene Königsphalanx hereinbrechet. Im 25. Zug opfere ich erst den Springer auf h4 und kurz darauf im 27. Zug mit Brachialgewalt den Turm. Um das Matt abzuwenden, muss Weiß bis zum 30. Zug so spielen, wie es spielte.

Danach hätten sich bessere Varianten ergeben können. Doch unter enormer Zeitnot begeht mein Gegner dann den folgenschweren Fehler, der zum Matt führte. Auf diesem Niveau wird eigentlich kaum noch bis zum Matt gespielt – man gibt bei einem sich drohenden Material- oder Stellungsnachteil gemeinhin rechtzeitig auf. In diesem Fall war es aber wohl der Faktor Zeit, der eine gewichtige Rolle dabei spielte…

Beim RAMADA-Cup gescheitert, Trost wartet in Köln

Tisch der Schiedsrichter beim RAMADA-Cup in Brühl 2014 (c) Thilo Götze

Auch nächstes Jahr ist wieder RAMADA-Cup. Das „Haus am See“ empfängt Sie gern als Gast

Ach ja, es hat am Ende nicht sollen sein. Nach der fünften Runde am Sonntag ist klar, dass ich den sechsten Platz bzw. den, der als letzter für die Finalteilnahme berechtigt, um zwei Ränge verfehlt habe. Oder anders gesagt, ich hatte genau wie der Letztqualifizierte 3,5 Punkte, aber 2 Buchholzpunkte weniger (eine Feinwertung beim Schach, so etwas wie das Torverhältnis beim Fußball).

Da ich früh fertig bin am Sonntag, mache ich noch einen Abstecher nach Köln, zu den Veedelszügen und sehe, wie sich die Jecken um die Kamellen und Blumensträuße balgen. Die Straßen sind voller Menschen, an den Geschäften sind entweder Gitterstäbe angebracht oder auch das Schild: „Kein WC, nur Hotel. Auch kein Aufenthaltsraum. Wirklich kein WC…“. Ich habe mich auch etwas verkleidet und sehe dem Treiben der Stadt, die ich trotz des Trubel sehr schätze, vergnügt zu.

Insgeheim finde ich es ja sehr gut, dass Lebensmittel nicht einfach weggeschmissen, sondern unter das Volk gebracht werden. Und der Kölner an sich ist besonders innovativ, auch wirklich alles Verwertbare von den unzulänglichsten Stellen aufzuklauben und ins Haus zu schaffen. Wie man auf dem letzten Bild der Galerie sehen kann…

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