Ritterspiele bei den Highland Games in Kempen

Schere, Stein, Papier? Hammer, Stein und Baum!

Wer von euch schon mal nach Schottland verreist ist, weiß um die leichten Unterschiede in der Ausübung traditioneller Sportarten, im Vergleich zu uns. Die Highland Games der Männer (und Frauen!) im Kilt stellen eine eigene Sehenswürdigkeit dar, und haben es zu Berühmtheit in der ganzen Welt gebracht.

Toll, dass es auch in der DACH-Region Highland Games gibt, und dazu noch in der Nähe. Wir waren am Sonntag in Kempen zum Altstadtfest, wo es bei über 27°C zur Sache ging!

Ganz Kempen zu Kleinholz verarbeiten, oi!

Holzhaufen

Alles zu Kleinholz verarbeitet! (1 von 2)

Na ganz so schlimm war es nicht! =D Wer allerdings die vom Moderator liebevoll genannten „Burschen“ mit jeweils über 90 Kilogramm Kampfgewicht von weitem sieht, denkt erstmal an rohe Gewalt.

Der aufmerksame Zuhörer lernt jedoch schnell, dass Highlander das Zusammenspiel von

  • Technik,
  • Bewegung,
  • Erfahrung und
  • bis zu 30 Muskeln

beherrschen müssen, und die Kraft nur ein Parameter unter mehreren ist.

Das bedeutet einen hohen Trainingsbedarf und hohe Aufopferungsbereitschaft im Leben. Die meisten Highlander haben schon „eine Karriere hinter sich“ und besuchen im Jahr trotzdem noch zwischen 5 und 25 Wettkampf-Wochenenden. Plus „normalem“ Job noch nebenher!

Was war das jedoch für eine Veranstaltung, auf der wir da waren?

Das 15. traditionelle Altstadtfest in Kempen

City von Kempen

Die Marinchenkäfer brachten gute Stimmung

Der Werbering Kempen e.V. organisierte das Kempener Altstadtfest vom 4. bis 6. Mai inklusive der Highland Spiele auf der Burgwiese. Die Innenstadt von Kempen wird von einem ehemaligen Wall umgeben, von dem die Wiese auch nicht weit entfernt liegt.

Das Wetter spielte am Sonntag fast zu gut mit, weswegen die Athleten ordentlich ins Schwitzen kamen. Wem selbst das Zuschauen zu viel wurde, hatte in der City allerdings gut Gelegenheit, die Stände und vor allem die Geschäfte des verkaufsoffenen Sonntags zu besuchen.

Das Programm des Werberings Kempen umfasste eine breite Palette, unter anderem

  • Live-Musik auf der Bühne,
  • Der Buttermarkt als Zentrum des Konsums,
  • Tanzaufführungen
  • und eben die Highland Games.

Zu denen kommen wir jetzt, und zwar zeigen wir die erste Disziplin des Wettkampfs. Ohren auf (oder zu, wem es zu laut wird):

Welche Disziplinen gibt es bei den Highland Games?

Wer hätte es geglaubt – in Schottland heimst Punkte ein, wer neben einer guten physischen Kondition auch über musikalisches Talent verfügt. Ähnlich wie Schachboxen hierzulande.

Ob die Herren dieser Kapelle auch noch ins Kampfgeschehen eingriffen, weiß ich nicht, aber Dudelsack & Co. gehören zu so einem Wochenende einfach dazu.

Insgesamt gibt es natürlich Dutzende Sportarten des klassischen Highlanderns, die bekanntesten aus Schottland lauten:

  • Hill Race (Hügellaufen),
  • Tug-o-War (Tauziehen),
  • Wrestling,
  • Light Field Events (Leichtathletisches),
  • Dudelsackspielen (allein, im Team)
  • und Highland Dancing!

Daneben haben sich drei besonders schwierige Disziplinen hervorgetan, denen weltweit am meisten nachgeeifert wird. In Kempen maßen sich dieses Wochenende Frauen und Männer aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien nicht etwa mit Schere oder Papier, sondern:

  1. Hammerwerfen
  2. Steinstoß und
  3. Baumstammwerfen

1)     Scottish Hammer – findet den Amboss!

Hammerwerfen zu den Highland Games in Kempen

Na, seht ihr ihn? Die Männer in den bunten Röcken schleudern den Hammer mit einer derartigen Geschwindigkeit, dass es fast unmöglich ist, den Auslöser während der kurzen weil schnellen Flugphase zu drücken.

Der Oberschiedsrichter hatte zuvor noch die grüne Zeltpyramide auf Sicherheit und Tauglichkeit geprüft, bevor die wahren Meister sich dort zum Wurf hin begaben.

Im Unterschied zum olympischen Hammerwerfen ist es den Highlandern übrigens nicht erlaubt, sich mehrmals um die eigene Achse zu drehen. Nur der Oberkörper darf sich drehen, was die zu erzielenden Wurfweiten noch herausfordernder macht.

Der Hammer ist übrigens in Lichtgeschwindigkeit unterwegs, rechts neben dem Baum auf 2/3 Höhe. 😉

2)     Stone Put – mit Messern statt Stollen unterm Schuh!

Stone Put bei den Highland Games in Kempen

Die Oberschiedsrichter, ebenso wie die Athleten im Kilt, mussten bei der nächsten Disziplin auf ihren Kopf aufpassen. Der Felsbrocken, den sie statt einer Eisenkugel verwenden, schnellt den Jungs aber auch nur so aus dem Schultergelenk!

Die Bilder belegen es eindrucksvoll, wie hoch und weit die Mannen es das Gestein zu bewegen im Stande sind. Als Aufwärmprogramm passen sich die Highlander, in einem Kreis stehend, den „Ball“ übrigens locker hin und her. Wenn keiner zusieht, spielen die am Ende bestimmt noch 5 gegen 2!

Stone Put II bei den Highland Games in Kempen

Bei der Gelegenheit sei erwähnt, dass die Teilnehmer in zwei oder drei Gruppen spielten, um sich auf der Arena nicht im Wege zu stehen. Das Areal für den Stone Put wurde nach dem ersten Durchgang ein paar Meter nach vorne verlagert, da der Boden sich zu sehr aufgelockert hatte.

Warum dies? Die Highlander tragen, in Anlehnung an neuzeitliche, jedoch eher ketzerisch veranlagte Stollen vom Fußball, ihrerseits Messer (!) unter den Schuhen. Das müssen sie auch, da sie andernfalls von der Wucht des Steins oder Hammers mitgerissen würden…

3)     Tossing the Caber – Highlight der Highlander

Holzhaufen

Alles zu Kleinholz verarbeitet! (2 von 2)

So, bitte schön, das ist von den Baumstämmen übrig geblieben ;-)! Nein, Scherz, der Baumstamm war gerade in der Reperatur, als ich meine Reportage gemacht hatte. Ab und zu muss das Holz schließlich vom Harz entfernt werden, weil die Kämpferinnen und Kämpfer davon viel an den Händen kleben haben, auf dass sie nicht abrutschen.

Von weitem sah ich eine Highlanderin, die den Baumstamm ordentlich gestemmt bekommen hat. Beim Caber Toss bzw. Tossing the Caber kommt es nicht darauf an, wie weit man den Stamm wirft, sondern in welcher Lage (Winkel) die entgegengesetzte Spitze des Baums wieder auf dem Boden landet.

Festspiele zum Altstadtfest

Ritterschaukampf in Kempen

Unfair 😉

Und auch hier war nochmal ordentlich Thermik drin. Ritterspiele wie zu Zeiten Kunibert des Ersten! Frauen und Männer im Duell, zu dritt, mit Unterstützung von Bogenschützen und Lanzen, führten hier mit Waffenattrappen von dereinst ihre Schaukämpfe vor.

Das ganze wurde umrahmt von mittelalterlichen Märkten für Schmuck, Kleidung, Kulinarisches, einer Schmiede, Waffen und mehr. Kempen ist ein sehr bekannter Ort für die Renaissance dieser Zeit, und wird im ersten Atemzug in Deutschland genannt, wenn es um diese Art Festspiele geht.

Ich hoffe, euch hat mein Einblick in diese Welt, nur 30km entfernt von der nächsten Großstadt, gefallen. Wenn ihr Gefallen an den Sportarten findet, kann ich euch nur zum Ausprobieren ermutigen. Solange ihr die Dorflinde im Boden stehen lasst.

Irgendwo meine ich, auch noch das Werfen von ganzen Autoreifen als Zusatzdisziplin gesehen zu haben. Im Fernsehen oder so. War diesmal aber nicht dabei. Das wäre was für Timberfarm gewesen 😉

Bis nächstes Mal,

euer Thilo

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